Networking für Introvertierte
Networking-Strategien für Introvertierte
Networking gilt als Disziplin für Menschen, die gern im Mittelpunkt stehen. Dabei bringen Introvertierte genau die Fähigkeiten mit, aus denen belastbare Geschäftskontakte entstehen. Mit etwas Vorbereitung wird das nächste Event deutlich entspannter.
Leise Kontakte, die bleiben
Mindestens einmal im Jahr trifft es fast jeden Introvertierten: es steht ein Networking Event an. Und das muss nicht mal einen beruflichen Kontext haben. Von der Konferenz, die dein Partnerunternehmen organisiert hat, bis zur Geburtstagsparty deiner ehemaligen Kommilitonin, auf der du absolut niemanden außer der Gastgeberin kennst, kann jede forcierte soziale Interaktion für Introvertierte oder Neurodivergente Menschen eine richtige Herausforderung werden. Denn während sich im Raum immer mehr Grüppchen aus Menschen bilden, die sich scheinbar alle seit Jahren kennen, rechnet so manche Introvertierte Person im Kopf aus, ab wann sie gehen kann, ohne dass es unhöflich wirkt.
Falls dir diese Situation bekannt vorkommt, bist du in guter Gesellschaft. Die Autorin Susan Cain schätzt in ihrem Buch „Quiet“, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen introvertiert sind.
Mit Schüchternheit hat das wenig zu tun. Introvertierte laden ihre Batterie in ruhigen Momenten auf, während große Gruppen und lauter Smalltalk sie leerziehen. Menschen mögen sie trotzdem, nur lieber zu zweit als zu zwölft.
Warum leise Netzwerker oft die besseren Kontakte haben
Wer introvertiert ist, hört (meistens) gut zu. Introverts stellen (ehrlich interessiert) die zweite Frage, während andere schon von sich selbst erzählen. Sie merken sich, dass ihr Gegenüber im Frühjahr ein Projekt in Graz startet, und fragen drei Monate später nach, wie es gelaufen ist. Aus genau solchen Momenten entstehen Kontakte, die bleiben.
Dazu passt ein Befund aus der Soziologie. Mark Granovetter beschrieb schon 1973 die „Stärke schwacher Bindungen“: Neue berufliche Chancen kommen oft über Bekannte und seltener über enge Freunde. Eine Studie mit Daten von rund 20 Millionen LinkedIn-Mitgliedern, 2022 in der Fachzeitschrift Science erschienen, hat das Prinzip im großen Stil überprüft. Am hilfreichsten für einen Jobwechsel waren moderat schwache Verbindungen, also Menschen, mit denen es ein paar echte Berührungspunkte gibt. Für so ein Netzwerk braucht man keine 50 Visitenkarten pro Abend. Drei gute Gespräche und eine ordentliche Nachbereitung bringen dich weiter.
Vorbereitung nimmt dem Event den Schrecken
Extrovertierte genießen Spontaneität. Für Introvertierte Menschen bedeutet sie meistens Stress. Der Trick ist, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen.
Wenn du introvertiert bist, können dir folgende Tipps bei Networking Events helfen:
- Schau dir vorab die Speaker- oder Teilnehmerliste an und such dir zwei Menschen aus, die dich wirklich interessieren. Für jede Person überlegst du dir eine konkrete Frage, etwa zu ihrem Vortrag oder zu einem Beitrag, den sie gepostet hat.
- Komm früh. In der ersten halben Stunde ist der Raum ruhiger und viele Menschen stehen noch allein herum. Ein Gespräch zu beginnen, fühlt sich dann weniger an, als würdest du in eine fremde Runde platzen.
- Plan deine Pausen fest ein. Zehn Minuten auf der Terrasse sind ein Auftankstopp für deine Social Battery, den du dir ohne schlechtes Gewissen gönnen darfst.
- Leg dir einen freundlichen Ausstieg zurecht, zum Beispiel: „Ich will dich nicht länger aufhalten, lass uns Kontakte austauschen.“
- Setz dir ein realistisches Ziel. Wenn du nach zwei Stunden mit zwei Menschen richtig gesprochen hast, war der Abend ein Erfolg.
Der richtige Ort macht das Gespräch für Introvertierte leichter
Wo sich Menschen treffen, entscheidet mit darüber, wie gut ein Gespräch läuft. In einer Bar mit lauter Musik geht die inhaltliche Komponente eines Gesprächs schnell verloren. An einem ruhigen Tisch in einer Lounge wird aus dem Smalltalk nach fünf Minuten ein Gespräch über Inhalte, und dort fühlen sich Introvertierte am wohlsten.
Es lohnt sich also, gezielt kleinere Formate zu suchen: ein Frühstück mit zehn Leuten, ein Fachvortrag mit Fragerunde oder ein Lunch mit dem Team aus dem Nachbarbüro. In den myhive Offices arbeiten viele Unternehmen unter einem Dach, und die Community-Events und Lounges ermöglichen genau diese Art von Begegnung. Der erste Kontakt passiert beim Kaffee in der Küche, ganz ohne Namensschild. Wer danach wieder Ruhe braucht, zieht sich an einen der konzentrierten Arbeitsplätze zurück, die in den Coworking-Flächen direkt neben den offenen Zonen liegen.
Noch ein Tipp für Fortgeschrittene: Werde selbst Gastgeber*in. Wer zu einem kleinen Themenfrühstück ins eigene Büro einlädt, bestimmt Rahmen und Lautstärke. Außerdem hast du als Host automatisch einen Grund, jede Person anzusprechen.
Netzwerke dürfen leise wachsen
Beim Networking gewinnt nicht, wer am Ende die meisten Kontakte gesammelt hat. Ein Gespräch, an das sich beide Seiten noch nach einem halben Jahr erinnern, ist mehr wert als ein Stapel Visitenkarten in der Jackentasche.
Unser Tipp zum Schluss: Such dir Orte, an denen du dein Gegenüber akustisch gut verstehst, und nutze Plattformen wie LinkedIn als Verlängerung dieser Gespräche.
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